Unterricht
Informationen - Ergebnisse
Fächerangebot
Fächerübersicht Übersicht WiPo
Afghanistan – was geht das uns an?

Afghanistan - Was hat das mit mir zu tun? Möchte ich mich damit überhaupt befassen? Sollte ich mich für so etwas einsetzen? Muss ich mein Leben für andere Leben riskieren? Wird von mir verlangt, dass ich nicht nur mein Bestes verfolge und dabei andere außer Acht lasse? Warum sollte ich das tun?


Dr. Reinhard Erös, Gründer der "Kinderhilfe-Afghanistan"

Dies sind Fragen, die einem während zwei Stunden am Donnerstag, den 30.04.2015, durch den Kopf gegangen sind. Nicht an zwei normalen Stunden Schulunterricht, sondern an zwei besonderen, außergewöhnlichen. Jeder empfand dabei anders, aber ergriffen waren alle, als Dr. med. Reinhard Erös über seine Arbeit in Afghanistan und Kriegsgebieten als Arzt in unserer Schule referierte und dabei mit eindrucksvollen Worten und nicht minder beeindruckenden, wenn auch teils schockierenden Bildern an uns Schüler appellierte.

Auf den Bildern sahen wir Afghanistan und dessen Bevölkerung, wir sahen Leid und Elend, Krieg und Zerstörung, aber auch Schönheit und Lebenswillen.


Kultureller Reichtum Afghanistans: die weltberühmte blaue Moschee

Dr. Erös erzählte nicht nur von diesen Vorgängen in Afghanistan – er hat sie selber erlebt, als Arzt und Gründer der Hilfsorganisation „Kinderhilfe-Afghanistan“. Erst dort hat er nach seinem Medizin- und Politikwissenschaftsstudium (1972-1979) erfahren, was Medizin außerhalb eines gut funktionierendem Sozial-und Krankensystems eines Rechtsstaates wirklich bedeutet. In den Regionen, in denen er behandelte, gab es keine Praxen mit Terminen und Sprechstunden, wo man in einem gepolsterten Stuhl mit fünf anderen Menschen im Wartezimmer drauf wartet, seinen blauen Fleck versorgt zu bekommen. Stattdessen tritt an die Stelle der Praxis eine Bambushütte, an die Stelle des Wartezimmers der Erdboden unter freiem Himmel, an die Stelle der sechs Patienten 400-500 Menschen und an die Stelle des blauen Flecks tödliche Krankheiten. Auf den Arzt aus Bayern warteten andere Fälle als in Deutschland. Es gab keine Spezialisten für bestimmte Krankheiten, sodass Dr. Erös einen Menschen mit gebrochenem Bein nicht in die Uniklinik schicken konnte. Wenn er den Menschen nicht versorgt hätte, dann hätte es keiner getan. Nachdem er von den 400-500 Menschen ca. 100 an einem Tag versorgt hatte, lagen vor seiner Hütte 40-50 Leichen – eine unvermeidliche Folge des drastischen Ärztemangels. Wie ein Arzt mit dieser Situation umgehen soll, wird in keinem Medizinstudium in Deutschland gelehrt.


Über 30 Volksgruppen und Sprachen erschweren die Verständigung

Der Luxus in Deutschland, den wir genießen, teilweise ohne ihn zu schätzen, ist dort für die Mehrheit sehr fern. Auf eine Schule gehen zu dürfen, ohne etwas dafür zu bezahlen. Lebensmittel im Überfluss. Arztpraxen.  Politische Meinungsfreiheit. Bildung. All dies sind Dinge, die sich die Menschen noch vor einigen Jahren in Afghanistan nie hätten vorstellen können – nun geht das - durch das Internet. Doch es bringt ein Problem mit sich. Die jungen  Menschen lassen ihre schlechte Situation nicht auf sich sitzen, sondern möchten unseren Standard auch erlangen – und flüchten. Jede Woche kommen in Deutschland hunderte Flüchtlinge an, ein Großteil ist aus Afghanistan, da dort ca. 80% der Bevölkerung arm sind. Dazu wartet eine halbe Million auf eine Fluchtgelegenheit und diese Zahlen seien exponentiell ansteigend. Europa hat keine Lösung parat – also liegt diese Verantwortung bei uns – jenen, die lieber „chillen“, anstatt sich einzusetzen. „Nicht reden, tun!“ lautet der Leitspruch von Dr. Erös und demonstrierte uns beispielhaft, wie dieses Tun aussehen kann. Er ist mit seiner Frau und seinen vier Kindern 1986 an die pakistanisch-afghanische Grenze gezogen und illegal in das Land der extremen Temperaturen und Höhenunterschiede eingewandert. Illegal, zu Fuß über 4000 Meter hohe Berge, da ausländische Ärzte in dem von der UdSSR besetzten Land nicht erwünscht waren und getötet wurden, sobald man sie entdeckte. In seiner Zeit hat ihn das Land und der Lebenswille der Menschen fasziniert. Ein Land, welches sich vehement gegen die Kolonialisierung gewehrt hat und nicht einmal von der militärisch weit überlegenen sowjetischen Armee zu besiegen war. Diese marschierte 1979 mit dem Ziel ein, eine 16. Sowjetrepublik zu gründen. Es folgten nach dem Abzug der sowjetischen Truppen unter Gorbatschow ein Bürgerkrieg, seit 1995 die Herrschaft der Taliban und 2001 das westliche Militär, welches  nach dem 11. September mit dem ISAF-Einsatz  die Taliban-Herrschaft beenden und das Land wiederaufbauen sollte. Die Afghanen aber sind zäh geblieben. „Nie aufgeben“, lautet dort das Motto wie in der Nationalsportart Buzkashi, in der einer der aufgibt, seine Würde verliert.


Buzkashi, der afghanische Volkssport

Diese Überlebenskünstler sind in Deutschland allerdings nicht für die Schönheit ihres Landes  oder ihren Willen bekannt. Die Mehrheit bei uns verbindet Afghanistan mit Taliban und Terror – suggeriert durch Nachrichten und Presse. Die religiöse Haltung des klassischen Islams der Afghanen sei jedoch der friedlichste und toleranteste Islam, der existiert. Der radikale saudi-arabische Wahhabismus habe nichts mit den traditionellen Afghanen zu tun, sondern werde in Saudi-Arabien durch Koranschulen und dem erzieherischen Prozess des Koranstudiums geschaffen. Aus diesen Schulen kommen die jungen Männer, die bereit sind, ihre Weltanschauung  mit Waffen und Terror zu verteidigen und sich gegen alles andere radikal wehren.

Um den Menschen in Afghanistan zumindest einen ersten Bruchteil der Sicherheit und des Wohlstands, der in Europa herrscht, zu geben, setzen sich Dr. Erös und seine Familie unter persönlichen Risiken für Afghanistan ein. Im Jahre 2002 haben sie die „Kinderhilfe-Afghanistan“ gegründet, die sich ausschließlich aus Spenden und privaten Unterstützern, aber ohne staatliche Hilfe, finanziert. Es ist die größte afghanische Hilfsorganisation. Dr. Erös' Frau hat dann die European School Peshawar für afghanische Flüchtlingsmädchen in Pakistan gegründet, die heutzutage als beste Schule in Pakistan angesehen wird.


Die erste von Familie Erös gegründete Schule in Peschawar

Die Hilfsorganisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Waisenhäuser, Kliniken und insbesondere Schulen in Afghanistan zu bauen und 2014 wurde sogar die erste Universität gegründet. So kann Dr. Erös den Kindern in Afghanistan eine wirkliche Alternative zur radikalen Koranschule bieten.

Seine persönliche Leistung, sein Vortrag, die zwei Stunden in unserem Leben an einem sonst normalen Donnerstag, haben uns gezeigt, was es heißt, sich für etwas einzusetzen. Nicht aus Eigeninteresse, sondern weil es einen etwas angeht. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Mit diesem  Motto des Autors Erich Kästner lässt sich die Botschaft dieses beeindruckenden Referenten zusammenfassen.

Die Schülerinnen, Schüler  und Lehrkräfte des Q1-Jahrganges der TMS bedanken sich bei Dr. Sandmann für die Organisation und Finanzierung der Vortragsveranstaltung sowie beim Schulverein, der auch einen Beitrag dazu beigesteuert hat.

Ida Reinhold
11.05.2015



Einladung

Die Thomas-Mann-Schule darf am Donnerstag, den 30.4.2015 zum zweiten Mal den Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, Dr. Reinhard Erös, als Referenten begrüßen. Ab 11.30 Uhr wird er unter dem Titel „ Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen“ von seiner Tätigkeit und seinen Erfahrungen in Afghanistan berichten, das nach dem Abzug der Bundeswehr nur noch wenig Beachtung in der Öffentlichkeit erfährt. Bereits bei seinem ersten Besuch in der Thomas-Mann-Schule konnte Dr. Erös bei den Schülerinnen und Schülern Verständnis für die uns sehr fremde Mentalität der Menschen in diesem Land und ihre Lebensumstände wecken. Die TMS freut sich, dass erneut 150 Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, diesen beeindruckenden Redner zu erleben, der durch sein persönliches Engagement eine besondere Glaubwürdigkeit ausstrahlt.

Wir danken Herrn Dr. Sandemann und dem Schulverein für die Förderung dieser Veranstaltung.

Mechthild Piechotta
27.4.2015



Die KINDERHILFE AFGHANISTAN ist eine private Initiative der Regensburger Familie Dr. med. Reinhard und Annette Erös und ihrer fünf erwachsenen Kinder Veit, Urs, Welf und die Zwillingsschwestern Cosima und Veda.

Die Familien-Initiative wurde 1998 ins Leben gerufen und unterstützt vor allem Kinder und Frauen in AFGHANISTAN mit schulischen und medizinischen Projekten.


Fotos: © Kinderhilfe Afghanistan

 
Thomas-Mann-Schule  - Thomas-Mann-Str. 14 - 23564 Lübeck - Tel. 0451/1228614  - Fax. 0451/1228621
Impressum