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„Wir leben in einer freiheitlichen Gesellschaft“
Dr. Joachim Gauck referiert im Maritim Travemünde


Bei strahlendem Sonnenschein, leichter Meeresbrise und sanftem Vogelgezwitscher verwandelte sich Travemünde, Lübecks kleine Schwester, in ein idyllisches Fleckchen, einen idealen Ort für die Mitgliederversammlung der Arbeitgebervereinigung Lübeck-Schwerin. Im Seminarraum Schleswig-Holstein des Maritim-Hotels durfte der Vorsitzende Wolfgang Pötschke vergangenen Montag exklusiven Besuch begrüßen.


Der Vorsitzende der Arbeitgebervereinigung
Lübeck-Schwerin e.V., Wolfgang Pötschke

Nach einer kurzen Einleitung Pötschkes zur momentanen Wirtschaftslage und Arbeitsmarktsituation trat Dr. Joachim Gauck zu seinem Vortrag „Freiheit - Verantwortung - Toleranz. Eckpunkte einer globalen Leitkultur“ ans Rednerpult.
Das Publikum, etwa 200  Zuhörer, lauschte dem  Ex-Kandidaten für das Bundespräsidentenamt, Bürgerrechtler und Theologen gebannt – und verfiel an der ein oder anderen Stelle in Gelächter.
Neben Firmenchefs und Arbeitgebern großer Unternehmen in Lübeck und Umgebung saßen auch 7 Schüler der Thomas-Mann-Schule in Begleitung von Frau Piechotta in der Hörerschaft.


Dr. Joachim Gauck

„'Wo ich jetzt lebe', so höre ich mich sagen,'möchte ich sein, aber ich kann immerfort auch gehen.'“ Mit dieser Aussage beginnt Gauck die Ansprache – und zieht die volle Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Er zitiert aus seinem Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“, das im Jahr 2009 erschien, um den Zuhörern den Wert von Freiheit zu verdeutlichen. Er selbst habe lange in Unfreiheit – der DDR – gelebt und scheint sich der Privilegien, die im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert sind, vollends bewusst.

Er lebe nun in einem Land, in dem es Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, die Freiheit der Berufswahl, Versammlungsfreiheit, Forschungs- und Veröffentlichungsfreiheit gebe.  Außerdem bestünde die Freiheit, Vereine, Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und Parteien zu gründen und zu übernehmen. Doch viele Bürger würden gar nicht wahrnehmen, in was für einem bemerkenswerten Land sie leben. „Die Deutschen haben eine Neigung zum Verdruss, fühlen sich am wohlsten, wenn sie sich unwohl fühlen“, witzelt Gauck.

 Als Beispiele dafür nennt er die laufende Furcht der Deutschen, die er durch die Medien verschärft sieht. Da gab es damals BSE, die Vogelgrippe und im Jahre 2009 die Schweinegrippe. Durch Japan wurde die Atomdebatte neu entfacht und der EHEC-Virus habe „das Land mal wieder in Angst und Schrecken versetzt“. Aber ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Für Gauck nicht, Freiheit sei „das wichtigste für ein Leben in einer offenen Gesellschaft“, daher könne er die Furcht der Bevölkerung nur mit Ironie ertragen.

Dass Freiheit aber auch Verantwortung nach sich zieht, hat Gauck schon in jungen Jahren am eigenen Leibe erfahren. Mit 19 wollte er seine damalige Freundin heiraten – ganz zum Unmut seines Vaters. „Musst du sie denn heiraten?“, habe er gefragt. Er musste nicht, aber ihm wurde dennoch bewusst, dass man auch als Ehemann eine gewisse Verantwortung übernimmt.

Freiheit führe zur uneingeschränkten Handlungsfähigkeit. Am Beispiel der Terrorherrschaft nach der Französischen Revolution werde aber deutlich, wie wichtig ein verantwortungsvoller Umgang mit erlangten Freiheiten ist. „Man kann die Freiheit, die man gewonnen hat, sofort wieder verlieren oder umwandeln“, stellt der Referent fest.

Als weiteren wichtigen Punkt nennt Gauck Toleranz. Er zieht als Beispiel das Verhalten der Deutschen nach der Wiedervereinigung heran und erklärt, dass „Ossi“-Witze aufgrund mangelnder Toleranz entstanden seien und „Wessi“-Witze sich aus Trotz entwickelt hätten. Diese Intoleranz ist für den Bürgerrechtler und Theologen unverständlich: „Schließlich wollten wir ja mal ein Volk sein.“

Seinen Vortrag beendete Dr. Gauck mit dem Appell an das Publikum, sich der vielen Freiheiten zu bedienen, Verantwortung zu übernehmen und „zu holen, was in einem steckt“, denn das mache den Menschen glücklich. Durch Gaucks rhetorische Fähigkeiten und Vertiefung der Themen strahlte er nicht nur Kompetenz aus, sondern bewirkte, dass das Zuhören wahrlich Freude bereitete. Wir danken der Arbeitgebervereinigung für die Einladung und hoffen, auch im nächsten Jahr die Möglichkeit wahrnehmen zu können, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. 



Vivien Valentiner
26.06.2011

Fotos: © Mechthild Piechotta


 
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