Unterricht
Informationen - Ergebnisse
Fächerangebot
Fächerübersicht Übersicht WiPo
„Ich konnte nichts anderes als schreiben“


Der Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Tanjev Schultz, zu Besuch an seiner ehemaligen Schule



Am 12. Mai 2010 durfte der Leistungskurs Wirtschaft/Politik des 13. Jahrgangs in unserer Schule Dr. Tanjev Schultz begrüßen. Der ehemalige Schüler der Thomas-Mann-Schule und heutige Redakteur im Ressort Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung, der insbesondere zu bildungspolitischen Themen schreibt, war sichtlich erfreut, seine ehemaligen Lehrer und die Schule wieder zu sehen. Bereitwillig stellte er sich den zahlreichen Fragen der Leistungskurs-Projektgruppe und des Publikums, das aus den Schülern des gesamten 13. und einigen des 11. und 12. Jahrgangs bestand.
Auf die Frage, wie er es geschafft habe, Journalist zu werden, nannte er augenzwinkernd an erster Stelle die gute Schulbildung durch die TMS.
Der 1974 geborene Journalist studierte Philosophie, Politik- und Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Psychologie, promovierte über politische Talkshows und arbeitet nun seit sieben Jahren als Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, die er bereits als Schüler las. Schon während der Schulzeit schrieb er nebenbei Artikel. „Ich konnte nichts anderes als schreiben“, gab unser Gast vergnügt zu. Es gebe keinen Königsweg, um Journalist zu werden. Er empfehle jedem neben einem Journalismusstudium oder Volontariat ein Fachstudium.
Seine Tätigkeit sei stressig, Arbeits- und Freizeit nicht klar getrennt, sein Handy ständig an, damit er auch zu Hause und in den Abendstunden erreichbar sei. „ Journalist ist man eigentlich immer“, bekannte Tanjev Schultz. Die Arbeit mache aber unheimlich Spaß.



Fragt man ihn nach seinem Selbstverständnis lautet die Antwort, er verstehe sich in erster Linie als Aufklärer. Ein Journalist müsse aber je nach Anlass unterschiedliche Rollen beherrschen, die eines Advokaten beziehen können, das bedeute, Kommentare zu schreiben und Standpunkte zu beziehen, aber auch fair und sachlich berichten können.
Journalisten, gerade in der Süddeutschen Zeitung, bemühten sich, für alle sozialen Schichten Meinung äußernd zu wirken, und versuchten, einer großen Bandbreite an Standpunkten Raum zu geben, antwortete unser Gast auf die Frage, wie er sich die Marktführerschaft seiner Zeitung erkläre. 
Er selbst wurde noch nie auf Verletzung von Persönlichkeitsrechten verklagt, beobachtet aber gerade in diesem Zusammenhang eine zunehmende Einschränkung der Pressefreiheit durch Gerichtsurteile. 
Tanjev Schultz hat eine Doktorarbeit unter dem Titel „Geschwätz oder Diskurs - Zur Rationalität politischer Talkshows“ verfasst. Zunächst entschuldigte er sich dafür, dass wir Schüler uns damit befassen mussten, und gab zu, dass es quälend und anstrengend gewesen sei, die Arbeit aufgrund von Analysen bekannter Talkshows zu verfassen. Ihn habe sehr interessiert, was man an solchen Sendungen qualitativ verbessern könne. Er sei aber zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Fernsehformate durchaus geeignet seien, einem wenig informierten Zuschauer die gesamte Bandbreite von Meinungen zu einem politischen Streitthema vor Augen zu führen.
Schließlich wurde Tanjev Schultz zu den Vorfällen an der Odenwaldschule befragt, über die er ausführlich berichtet und zu denen er den führenden Vertreter der Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, dessen Lebensgefährte Direktor des Internats und einer der Hauptbeschuldigten ist, interviewt hat. U.a. ging es um die Verantwortung von Journalisten für die Aufklärung dieser Fälle. Unser Gast bedauerte es sehr, dass  keine andere Zeitung das Thema aufgriff, als 1999 in der Frankfurter Rundschau zum ersten Mal über den Missbrauch an der Odenwaldschule berichtet wurde, und das Thema somit  „versandete“. Heute könne man spekulieren, ob die Schule Veröffentlichungen „gedeckelt“ habe, damit nicht weiter aufgeklärt wurde, oder ob mächtige Leute ihre Finger im Spiel gehabt hätten. „Dieser Frage hat sich jede Redaktion zu stellen“, betonte Tanjev Schultz.



Neben Fragen der Schülerinnen, die mit ihm auf dem Podium saßen, erteilte unser Gast auch dem Publikum ausführlich Auskunft und richtete selbst Fragen an die Anwesenden, von denen er wissen wollte, in welchem Maß sie Print- bzw. elektronische Medien zur Information nutzen. Erstaunlicherweise „outete“ sich eine Mehrheit als Leser einer klassischen Tageszeitung. Ob in gedruckter oder in elektronischer Form, guter Journalismus habe eine Zukunft, machte der Redakteur einigen Schülern Mut, die als Berufswunsch Journalist äußerten. Nach eineinhalbstündiger Diskussion bedankten sich die Schüler und Schülerinnen bei Tanjev Schultz für seine ausführlichen Antworten und differenzierten Darstellungen und bei der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung für ihre finanzielle Förderung der Veranstaltung.

Von Beate Tylkowski (LK-Wipo)
03.06.2010



Wir danken Herrn Torben Naujokat von den Lübecker Nachrichten für die Überlassung der Fotos und des Copyrights.


Links:
Tanjev Schultz, Geschwätz oder Diskurs? Die Rationalität politischer Talkshows im Fernsehen, Herbert von Halem Verlag, 2006. - Leseprobe

Tanjev Schultz, "Zeugnistage" , Süddeutsche Zeitung, 12.03.2010 -
veröffentlicht:  www.reporterforum.de

Emma vergibt Preise für JournalistInnen - 17.05.2010


 
Thomas-Mann-Schule  - Thomas-Mann-Str. 14 - 23564 Lübeck - Tel. 0451/1228614  - Fax. 0451/1228621
Impressum