SPD vorn: Wahlforscher von der Schulbank

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Von Kai Dordowsky, LN

Lübeck - Politik-Unterricht einmal anders: 80 Lübecker Gymnasiasten haben 2150 Lübecker zur Bundestagswahl befragt. Ergebnis: Die Schüler sagen einen klaren Sieg der SPD in der Hansestadt voraus.

An 15 Standorten von Buntekuh bis Travemünde befragten die Pennäler die Bürger. Im strengen statistischen Sinne sei die Befragung nicht repräsentativ, sagt Oberstudienrat Harald Denckmann, der zusammen mit seinem Kollegen Dr. Eckhard Fick das Projekt leitet. "Aber die Streuung nach Alter, Geschlecht und Sozialstatus ist so ausgewogen, dass den Ergebnissen eine hohe Aussagekraft zugesprochen werden kann." 

Zumal die Pennäler mehr Menschen in Lübeck befragt haben, als die großen Institute für ihre Einschätzungen bundesweit interviewen. Und die Mann-Schüler sind keine Neulinge auf dem Feld der Demoskopie. Seit 1994 beteiligt sich die Schule regelmäßig mit Unterrichtsprojekten an der Voraussage und Analyse von Urnengängen. Spätestens seit der Bürgermeisterwahl 2000 stehen die Gymnasiasten im Ruf, präzise Ergebnisse zu liefern. Damals sagten sie sowohl den knappen Vorsprung des CDU-Bewerbers Dr. Hans-Achim Roll im ersten Wahlgang als auch den klaren Sieg von Bernd Saxe (SPD) im zweiten Durchgang voraus. 

Für den bevorstehenden Urnengang haben die Schüler Ergebnisse ermittelt, die sie selber überraschen. "Von einem Kopf-an-Kopf-Rennen kann in Lübeck keine Rede sein", sagt Denckmann, "die SPD hat klar die Nase vorn." Bei den Erststimmen kommt die Sozialdemokratin Gabriele Hiller-Ohm auf 37,8 Prozent, während die CDU-Bewerberin Anke Eymer mit 27,5 Prozent folgt. Angelika Birk (Grüne) kommt auf 6,8, Michaela Blunk (FDP) auf 5,1, Antje Jansen (PDS) auf 1,9 und Daniel Rottmann (PBC) auf 0,8 Prozent. "Allerdings haben 20,2 Prozent der Befragten gesagt, dass sie niemanden von den sechs nach Berlin schicken wollen", so Denckmann. 

Bei den Zweitstimmen fährt die SPD 45,7 Prozent ein. Die CDU landet bei der Umfrage bei 26,6 Prozent. Die Liberalen erhalten 6,6, die Grünen 8,9, die PDS 1,7 und die Sonstigen 3,7 Prozent. Denckmann: "6,8 Prozent der Befragten sind Nichtwähler." Glaubt man der Umfrage, so kommt Edmund Stoiber bei den Lübeckern nicht sonderlich gut an. Nur 25 Prozent wünschen sich den Unions-Kanzlerkandidaten, 56 Prozent wollen Gerhard Schröder weiter als Kanzler. Die Mann-Pennäler testeten auch den Bekanntheitsgrad der Bewerber sowie weiterer prominenter lübscher Politiker. Da liegt Anke Eymer (CDU) mit 77,1 Prozent vor Gabriele Hiller-Ohm (SPD, 73,9 Prozent). Mit Abstand bekanntester Politiker ist Bürgermeister Bernd Saxe (88,6 Prozent). Als überraschend bewerten die Jungforscher die Priorität, die die Lübecker den Sachthemen zuordnen. Die Angst vor einem Irak-Krieg rangiert ebenso wie die Innere Sicherheit unter ferner liefen. Arbeitsplätze schaffen ist das Hauptanliegen, dann folgen die Sorge um das Schulsystem und den Klimaschutz. 

Die lübschen Politiker nehmen die Arbeit der zwölf- bis 18-jährigen Gymnasiasten durchaus ernst. Noch am Abend der Befragung gingen bei Denckmann die ersten Nachfragen von CDU- und SPD-Politikern ein. Auch der Bürgermeister soll großes Interesse an seinem Abschneiden beim Bekanntheitstest gezeigt haben. 

"Für die Schüler ist das eine schöne Bestätigung ihrer Arbeit", sagt Oberstudienrat Denckmann. Sogar Ministerpräsidentin Heide Simonis habe den Pennälern schon einmal gedankt und sie in die Staatskanzlei eingeladen. Für die Pädagogen ist das Projekt vor allem ein Vehikel, Politikunterricht zu vermitteln. Denckmann: "Hier konkretisiert sich moderner Unterricht. Die Schüler werden an politisches Geschehen herangeführt und arbeiten mit moderner Datenverarbeitung." Er habe noch nie Probleme gehabt, Freiwillige für die Umfragen zu finden. 

Wie die Wahl nun tatsächlich ausgeht, teilt die Stadt am Sonntagabend im Internet unter www.luebeck.de mit. Die LN erscheinen am Montag mit einer Sonderausgabe.

ln-online/lokales vom 20.09.2002 08:04 

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20.09.2002
 

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