LÜBECKER NACHRICHTEN, 3. Februar 2006

Thomas-Mann-Schüler musizieren im Percussion-Workshop
mit Schrott und steppen dazu

Recycling als Bühnenshow

   
Fotos: Cosima Künzel



Aus Plastikmüll, Altmetall und professionellem Stepptanz haben 20 Schüler ein Stück komponiert: wunderbare Schrott-Musik.

Von COSIMA KÜNZEL, LN

Im Büro von Schulleiter Peter Flittiger wummert die Decke. Seit drei Tagen klingt’s nach einer Mischung aus Möbelrücken und Trampolinspringen auf Linoleum. Doch der Chef der Thomas-Mann-Schule lächelt: „Das ist unser Stepp-Percussion-Workshop“, sagt er auf dem Weg in den oberen Musikraum.

    Zwei Stockwerke höher sind die Tische und Stühle beiseite gerückt. Die Fensterscheiben sind von innen beschlagen, und es riecht nach frisch verschwitzten Schülern. Rote Wangen haben die 20 Siebt- bis Zehntklässler, und ihre Mimik verrät begeisterte Konzentration. Wie lange sie noch „musizieren“, das kann Flittiger nicht fragen: Der Trommelklang füllt den Raum dröhnend bis in jede Stuhlritze und in jeden Kreidekrümel hinein.

    Es ist echte Schrott-Musik, die die Jugendlichen hier unter Anleitung des Hamburger Profimusikers Bernhard Prodoehl (43) präsentieren. Laut und wunderbar gewaltig dreschen sie auf alte Fundstücke vom Schrottplatz ein und entlocken dem Plastik- und Metallmüll einen mitreißenden Rhythmus.

    Der 15-jährige Nico Cremer platziert seinen Trommelwirbel auf weißen Plastikkanistern und einem Einkaufswagen. Sarah Arewa (15) bringt ein altes Backblech samt Grünkohldeckel zum Erzittern, und Musiklehrer Martin Salomon (43) beweist sein musikalisches Talent anhand der Fettplatte eines Elektrogrills.

    „Das Stück besteht aus einem Grund-Groove mit Breaks dazwischen und einem Steppteil in der Mitte“, erklärt der Lehrer in der Pause und hinterlässt damit bei Laien eine Menge Fragezeichen. Musiker Prodoehl hilft: „Weltweit populär gemacht hat diese Musik die Gruppe ,Stomp‘.“ Die Schlagwerker aus dem englischen Brighton hätten Altteile vom Schrottplatz geholt und sie mit funktionstüchtigen Alltagsgegenständen und Haushaltsgeräten zu einem äußerst ungewöhnlichen Percussion-Ensemble samt Tanz- und Theaterelementen wieder zusammengeführt.

    „Die Idee entstammt im Grunde der Not armer Musiker, die sich kein Instrument leisten können“, erklärt der Mann mit dem gewinnenden Lächeln zwischen dem roten Szene-Bart und dem glatt rasierten Haupt, der sich unter anderem in den Straßen von New York von dem Kult hat inspirieren lassen.

    Den Schülern ist nicht nur anzusehen, dass sie die musikalische Form des Recycling faszinierend finden. Es ist auch zu hören. Im Verlauf des zehnminütigen Stückes präsentieren sie sich in der Gruppe und in ihren Solostücken erst als Percussionprofis und schließlich sogar als Stepptänzer.

    Mit dem typischen „Klacke-die-Klack“ sausen die Fußspitzen und Absätze der Profischuhe so über den Boden, dass der Hamburger Profi voll des Lobes ist. „Was die Schüler in diesem Workshop geleistet haben, das ist erstaunlich“, sagt der große schlanke Mann, der seine Crew innerhalb von drei Tagen für zwei Auftritte (28. und 29 April, Infos unter 04 51/5 82 37 07) fit gemacht hat.

    Dass der 43-Jährige – der bereits als Tänzer und Choreograph rund um die Welt auf Tournee war – nach Lübeck gekommen ist, das haben die Schüler auch ihrem Schulleiter zu verdanken. „Wir sind recht gute Freunde“, verrät Flittiger schmunzelnd, während zwei Stockwerke über ihm erneut der Fußboden zu beben beginnt.


Foto: Cosima Künzel


Text-und Bildautorin: Cosima Künzel
Wir danken Frau Künzel für die Überlassung des Copyrights.

Percussion-Konzert am 29.04.2006 in der Thomas-Mann-Schule
Thomas-Mann-Schule  - Thomas-Mann-Str. 14 - 23564 Lübeck - Tel. 0451/1228614  - Fax. 0451/1228621
Impressum