Günter Grass, Schneesturm und Maestro
Ein Reisebericht von der Leipziger Buchmesse
Von Andrea Hadler
Dicke
Schneeflocken fielen auf meine Haare und mein Gesicht. Gerade erst
hatte ich den Leipziger Hauptbahnhof verlassen – dank der Deutschen
Bahn eine Stunde später als geplant - und stand nun in einem
Schneegestöber. In der Touristeninformation kaufte ich mir eine
Eintrittskarte für die Buchmesse und erkundigte mich nach dem Weg
zu meiner Jugendherberge. Zum Glück war dieser recht einfach, da
ich nur mit der Tramlinie „1“ einige Stationen fahren musste.
Leider bedeckte der Schnee die „6“ der Linie „16“, sodass ich für den Weg doch „etwas“ länger brauchte.
Endlich an meinem Ziel bezog
ich ein 5-Bett-Zimmer, in dem ein Mädchen aus Barcelona und eine
Münchnerin wohnten. Mit letzterer erkundete ich die Stadt und im
Anschluss fuhren wir ins Leipziger Landgericht. Der zweifache
Grimmepreisträger Friedrich Ani stellte dort vor rund 15
Interessierten sein neues Werk „Wer lebt, stirbt“ vor.
Der Abend wurde ebenfalls
sehr amüsant, da ich gemeinsam mit der Münchnerin zusammen in
einem kleinem Lokal essen ging und sie mir Tipps für meinen
Messenbesuch gab.
Der
nächste Tag begann früh, sodass ich bereits um 8.45 Uhr
geduscht und gefrühstückt hatte. Pünktlich um kurz nach
10 Uhr kletterte ich in den Shuttlebus, der mich vom Hauptbahnhof
direkt zum Messegelände fuhr.
Die Eingangshalle gab
ein beeindruckendes Bild ab: Ein riesiger Glaspalast von dessen Decke
bunte Banner herabhingen, unter ihnen schlenderten unzählige
Menschen von Stand zu Stand und begutachteten die große
Bücherauswahl. Auch ich schloss mich ihnen an und ließ mich
von dem langsamen Strom der Menschenmassen mitziehen. Gegen Mittag
wollte ich bei einer Lesung von Günter Grass zuhören,
allerdings belagerten bereits etwa 150 Lesefans den Zuschauerraum,
sodass ich bis auf den Hinterkopf des Nobelpreisträgers nicht viel
sah.
Daraufhin lauschte ich dem
MTV-Moderator Markus Kavka, als dieser sein erstes Werk vorstellte und
besuchte die Präsentation einer französischen CD.
Fasziniert war ich jedoch
nicht nur von den zahllosen Ständen mit jegliche Art von
Lektüren, sondern auch von den Besuchern der Messe: Abgesehen von
vielen Schulklassen und Privatpersonen, die sich durch die Gänge
drängelten, dominierte eine farbenfrohe Gruppe junger Menschen
Halle 4. Hier stellten Comic- und Mangazeichner ihre Werke vor. Doch
die bunten Bilder schienen in dieser Halle aus den Büchern
geklettert zu sein: Verkleidet, geschminkt und mit Requisiten
ausgestattet wie die Superhelden und Hauptdarsteller aus den
Zeichnungen präsentierten sich junge Fans und zeigten so ihre
Hysterie für die japanische Kunst.
Kurz vor 15
Uhr nahm ich meinen Platz im Kongressgebäude ein. Hier begann
wenig später die Preisverleihung für den „Prix des
lycéens allemands“. Nach einer kurzen Begrüßung
durch Madame Chantal Colleu-Dumond, die Kulturattachée der
Französischen Botschaft in Berlin, stellten je drei Schüler
der Bundesjury die Bücher vor. Vor allem bewundernd, aber
auch erstaunt über das Sprachvermögen der 16 jungen Juroren
aus ganz Deutschland zeigten sich die drei Autoren, die in der ersten
Reihe im Saal der Zeremonie folgten. Véronique
Le Nomand, Sarah Cohen-Scali und Xavier-Laurent Petit warteten mit
Spannung auf die Entscheidung. Doch bevor der glückliche Gewinner
verkündet wurde, präsentierte Klett noch das auserwählte
Buch des Vorjahres, sowie die Übersetzung von „Simple“. Nach
gut einer Stunde war es soweit und die Juroren traten jeder einzeln an
das Rednerpult und erklärten
- ohne die Namensnennung des Gewinners - warum sie sich für
ebendieses Werk entschieden hatten. Doch bereits nach dem vierten
Schüler dämmerte es allen: „In diesem Werk lernen wir etwas
über das Leben in einer anderen Welt weit weg von der unsrigen.“
Und tatsächlich verkündete der letzte Sprecher: „Wie Sie sich
wahrscheinlich schon denken können fiel unsere eindeutige Wahl auf
MAESTRO!“ Tosender Applaus der rund 200 Zuschauer.

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Überglücklich bedankte sich Xavier-Laurent Petit für
diese Wahl und lobte noch einmal Schüler und Lehrer für die
Teilnahme an diesem Prix. Er erhielt einen Scheck von Klett, der
für die Übersetzung der Gewinnerlektüre verwendet werden
soll. Es folgten letzte Danksagungen und die Ehrung der Schüler.
Jeder Juror bekam eine Urkunde, sowie einige dicke Bücher als
tolles Andenken an diesen großen Event. Doch hier endete die
Vorstellung für die Autoren noch lange nicht, da unzählige Zuschauer die Bühne enterten um Autogramme der drei
Schriftsteller zu sammeln. Sehr liebevoll nahmen diese sich Zeit und
fragten jeden nach seinem Namen, sodass die Autoren jedem eine
persönliche Widmung ins Buch schrieben.
Um kurz vor
18 Uhr verließ ich voll von Eindrücken und Emotionen das
Messegelände, fuhr zurück in meine Jugendherberge und
ließ den Tag noch einmal Revue passieren, ehe ich am
nächsten Tag schon wieder meine Koffer packte und gen Heimat fuhr.
Obwohl ich nur drei Tage in
Leipzig war und das Wetter mehr als unangenehm war, war es ein toller
Ausflug, bei dem ich viel gesehen und gelernt habe.
Die Leipziger
Buchmesse hautnah mit zu erleben war spannend, manchmal anstrengend und
vor allem eine sehr schöne Erinnerung.
Andrea Hadler
18.04.2007
Photos: © Andrea Hadler
23/03/2007

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Thomas Mann (links) und die Juroren des Prix des Lycéens 2007
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