Lernen und Arbeiten in Europa
Jahrestagung des Vereins der Europaschulen
am 4. September 2013
Thomas-Mann-Schule, Lübeck

I. Eingangsvorträge
„Die Türen des Lebens stehen offen! Der deutsche Arbeitsmarkt wird Sie brauchen!“

Mit diesem Statement eröffnete Margit Haupt-Koopmann, Geschäftsführerin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit in Kiel, ihren Eröffnungsvortrag auf der Tagung des Vereins der Europaschulen, die mit 70 TeilnehmerInnen in diesem Jahr in der Thomas-Mann-Schule stattfand.

Nach der Begrüßung durch den Schulleiter der Thomas-Mann-Schule, Peter Flittiger, und dem Vorstandsmitglied des Vereins der Europaschulen, Klaus Müller, sowie Susan Wessin, die als Studiendirektorin an der Thomas-Mann-Schule für Europa-Aktivitäten zuständig ist und für die Durchführung der Tagung verantwortlich war, wandte sich Frau Haupt-Koopmann mit dieser optimistischen Äußerung an die 17 anwesenden Schülerinnen und Schüler. Diese waren mit ihren Lehrkräften von Schulen aus ganz Schleswig-Holstein angereist, um sich mit dem Thema „Lernen und Arbeiten in Europa“ auseinanderzusetzen.


Margit Haupt-Koopmann, Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit in Kiel

Die Referentin begründete dann ihre optimistische Sicht auf die künftige Arbeitswelt der jungen Leute, indem sie drei Megatrends  der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung umriss:
Durch den demographischen Wandel, d.h.  durch die Alterung und Verrentung der geburtenstarken Jahrgänge 1955 bis 1963 ab 2020 bei  gleichzeitigem Rückgang der Geburtenrate werde das Erwerbstätigenpotential bis 2025 in Deutschland um 6,5 Millionen Personen zurückgehen. In Schleswig-Holstein sei die Geburtenrate in den letzten Jahren um 22 % gesunken und so könne man damit rechnen, dass im Jahr 2025 allein in unserem Bundesland 70.000 Personen weniger erwerbstätig seien.

„Es ist völlig egal, für welche Berufsausbildung Sie sich entscheiden, Sie werden keine Probleme haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Aber alles hängt von der Qualifikation ab!“, betonte Frau Haupt-Koopmann und umriss dann den zweiten Megatrend, den technologischen Wandel.
Angesichts des Fachkräftemangels wird die Produktivität in den nächsten Jahren gesteigert werden müssen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Im globalen Wettbewerb würden die Innovationszyklen kürzer, die Märkte transparenter und nicht nur Fachwissen sei gefragt, sondern auch Eigenverantwortung und Kommunikationsfähigkeit. Die künftige Entwicklung sei nicht frei von Risiken, biete aber mehr Chancen für die Lebens- und Karriereplanung. Interkulturelle Erfahrung sei hier ganz wichtig und diese Erfahrungen könne man heute vielfach sammeln, denn deutsche Fachkräfte seien weltweit gefragt.

Da Deutschland relativ unbeschadet aus der Wirtschaftskrise hervorgegangen sei, hätten die deutschen Jugendlichen eine viel bessere Ausgangslage als die in Spanien oder in Griechenland, wo 56 % bzw. 58 % der jungen Leute arbeitslos seien. Europaweit müsse man den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit aufnehmen, damit nicht eine ganze Generation verloren gehe.
„Lebenslanges Lernen ist in Zukunft nicht nur - wie heute häufig festzustellen - ein bloßes Schlagwort, sondern gelebte Wirklichkeit“, hob die Rednerin hervor.  Insbesondere an die jungen Frauen appellierte sie, sich bei der Berufswahl nicht vorrangig daran zu orientieren, ob Familie und Beruf vereinbar seien, denn damit schränkten sie ihre Wahl auf zehn typische Frauenberufe ein. „Versuchen Sie Ihren Blick zu erweitern, nehmen Sie auch technische Berufe in die Wahl, denn dann haben Sie sehr viele Möglichkeiten bei deutschen Unternehmen, die international aufgestellt sind!“
Angesichts des dritten Megatrends, nämlich der Globalisierung,  seien Sprachkenntnisse zwar wichtig, hinzutreten müssten aber auch Kenntnisse über die unterschiedlichen Sozialsysteme und über die Anerkennung von Abschlüssen.

Hier hilft die Arbeitsagentur weiter, die vielfältige Beratungsangebote entwickelt hat, wie z.B.  die 850 EURIS-Berater im Norden, die Unterstützung bieten, wenn man im Ausland einen Arbeitsplatz annehmen will.  „Ganz wichtig sind hier die länderspezifischen Informationen, denn in jedem europäischen Land herrschen andere Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Berater in Rostock, Lübeck und Kiel haben sich auf unterschiedliche Regionen wie z.B. die baltischen Staaten spezialisiert“, informierte die Rednerin.
Für das Lernen im Ausland hätten die Kammern gute Netzwerke aufgebaut und sie wünsche sich mehr Unternehmen, die Auszubildende als Praktikanten ins Ausland schicken oder auch ausländische Jugendliche in das deutsche Ausbildungssystem aufnehmen.  „Die Zuwanderung brauchen wir dringend, um unseren Fachkräftemangel zu beheben.“ Leider seien viele  Partnerschaften in Betrieben gescheitert, weil die sprachlichen Barrieren nicht überwunden werden konnten. Jetzt gebe es allerdings Sprachkurse für ausländische Fachkräfte, die von der Bundesregierung finanziert würden. Hinzu müsse aber auch die kulturelle Begleitung der Zuwanderer kommen, damit die Integration gelinge. Vielleicht seien ja Patenschaften ein Mittel dazu.
Zum Schluss dankte die Rednerin den Europaschulen dafür, dass sie ihren Schülerinnen und Schülern interkulturelle Kompetenzen vermitteln.

Pauls Weg durch Europa – Wie man bei Dräger interkulturelle Kompetenzen erwirbt

In einer sehr anschaulichen und kurzweiligen Präsentation stellten Dr. Silke Wenzel und  Torsten Rasche zunächst das Drägerwerk AG Lübeck vor, ein mittelständisches Unternehmen aus dem Bereich der Medizin- und Sicherheitstechnik, das mittlerweile neben ausländischen Produktionsstätten auch über ein weltweites Netz von Vertriebs- und Servicestandorten verfügt und dementsprechend auf die interkulturellen Kompetenzen seiner deutschen und ausländischen Mitarbeiter angewiesen ist.
Das Drägerwerk machte im letzten Jahr einen Umsatz von 2,4 Mrd. Euro, mehr als 50% davon in Deutschland und Europa.

„Aber der europäische Markt wächst nicht unbegrenzt; wegen der Wirtschaftskrise in Südeuropa kippt die Relation kippt gerade. Asien und die BRIC-Staaten weisen ein großes Wirtschaftswachstum auf. Dort werden wir in Zukunft Märkte erschließen“, knüpfte Frau Dr. Wenzel an den von Frau Haupt-Koopmann beschriebenen Trend zur Globalisierung an.
Herr Rasche ist bei Dräger für die Berufsausbildung zuständig und betreut 300 Auszubildende in 16 Ausbildungsgängen. Im nächsten Jahr werden bei Dräger 90 neue Azubis eingestellt, auch an den ausländischen Standorten.
Frau Dr. Wenzel ist in ihrer Funktion der Personalleiterin Vertrieb&Service in der Region Europa Central damit befasst, Mitarbeiter auf ihre häufig mehrjährige Arbeit in einer ausländischen Niederlassung vorzubereiten.


Dr. Silke Wenzel und Thorsten Rasche, Drägerwerk AG & Co. KGaA

Am Beispiel des fiktiven Mitarbeiters „Paul“ wurde verdeutlicht, wie eine Karriere in einem international agierenden Konzern aussehen und welche Kompetenzen ein Mitarbeiter auf seinem Weg durch Europa erwerben kann.
Paul, 1973 in Belgien geboren und mehrsprachig aufgewachsen, beginnt ein Duales Studium bei Dräger und der Nordakademie, absolviert in Spanien ein Praktikum, geht dann 1996 nach Essen in die dortige Vertriebszentrale, wo er 45 Krankenhäuser betreut und die Dräger-Produkte den medizinischen Personal erklären muss. 2002 wechselt er als Marketingmanager nach Frankreich und lernt, dass in Frankreich die Arbeit und das Gesundheitssystem ganz anders organisiert  sind. 2005 übernimmt er die Vertriebsleitung in Berlin, ist zuständig für Vertrieb und Service in den ostdeutschen Bundesländern und bewährt sich als Leiter eines Teams von 13 Leuten. 2010 wird er Countrymanager in Dänemark, denn er hat eine Dänin geheiratet.

„Leben und Arbeiten im Ausland – das ist für viele Dräger-Mitarbeiter eine Selbstverständlichkeit und gelebter Alltag“, meinte Frau Dr. Wenzel. Aber problemlos sei das Ganze nicht.
Mobilität sei gefragt und werde von den Mitarbeitern auch als reizvoll empfunden, aber grundsätzlich müsse geklärt werden, ob auch die Familie ins Ausland wolle und ob der Auslandsaufenthalt auch mit den eigenen Vorstellungen von Freizeit und Arbeit in Einklang zu bringen sei. Denn die Aneignung der notwendigen Sprachkenntnisse erforderten Einsatz über die tägliche Arbeit hinaus. Darüber hinaus müsse auch die Rückkehr nach Deutschland sorgfältig vorbereitet werden, damit die Reintegration des Mitarbeiters und seiner Familie gelinge.

Dann stelle sich auch das Problem der ganz unterschiedlichen Sozialsysteme; die sozialversicherungsrechtlichen Verläufe seien ganz anders. Nach fünf Jahren Auslandsaufenthalt greife das ausländische Rentenrecht; deshalb sei ein längerer Aufenthalt, auch wenn er gewünscht wird, kaum möglich. Das polnische Arbeitsrecht sei z. B. auch ganz anders. In diesem Bereich seien besondere Kompetenzen auch in der Personalleitung gefragt.
Die Zuhörer zeigten sich sehr angetan von der Präsentation, denn sie vermittelte sehr konkret, was Lernen und Arbeiten in einem internationalen Unternehmen bedeutet.


Dr. Silke Wenzel, Thorsten Rasche, Klaus Müller - Leiter der Tagung -
Margit Haupt-Koopmann und Bernd Bundtzen, Vorstandsmitglied des Vereins Europaschulen Schleswig-Holstein (von links)


II. Gruppengespräche
Gruppe 1
„Das sind ganz unterschiedliche Kulturen“ –  Arbeitsleben in Deutschland, Frankreich und Polen – Studium in London

Die Hälfte der Teilnehmer und Teilnehmerinnen  trafen sich im Lernzentrum zum Gespräch mit Axel Schrader, Mitglied der Geschäftsleitung der H. & J. Brüggen KG in Lübeck, und Simon Spendler, einem ehemaligen Schüler der Thomas-Mann-Schule, der am University College in London studiert.


Simon Spendler, Axel Schrader und Sabine Jebens-Ibs (von links)
 
Sehr anschaulich berichtete Axel Schrader von seinen Erfahrungen in den Niederlassungen der Firma Brüggen in Warschau und in Thiers. Firmen, die wie Brüggen Niederlassungen im europäischen Ausland betreiben, müssen ihre Mitarbeiter mit den lokalen Besonderheiten vertraut machen. „Die  Auslandshandelskammern unterstützen uns sehr. Sie führen zweimal im Jahr Seminare zum Steuer-, Wirtschafts- und Arbeitsrecht auf Englisch und Deutsch durch“, führte der Referent aus. Das sei zwar teuer, aber es rechne sich, denn ohne diese Kurse könne man in betriebswirtschaftlicher Hinsicht auf ausländischen Märkten nicht erfolgreich sein.

Die Ausbildungsgänge sind in Deutschland, Polen und Frankreich sehr unterschiedlich und das hat auch Auswirkungen auf das Arbeitsleben und die Arbeitskultur. „Die französischen Arbeitnehmer denken sehr statusorientiert“, meinte der Referent. Wenn man in Frankreich seinen Hochabschluss in der Tasche hat, erwartet man eine entsprechende gehobene Stellung im Betrieb, die man dann auch behält. Die Mitarbeiterführung sei stark von Hierarchien geprägt. Ein Auszubildender, der sich in die Position eines Abteilungsleiters hocharbeiten wolle, habe einen mühsamen Kampf vor sich und werde von seinen Kollegen nicht unbedingt anerkannt.

In Polen sei das ganz anders. Weil es kein Ausbildungssystem wie Deutschland gibt, wird die Berufsausbildung an Akademien und Hochschulen absolviert. „Dann stelle ich für anspruchslose Bürotätigkeiten Hochschulabsolventen ein, die eigentlich völlig überqualifiziert sind“, bedauerte Axel Schrader. Aber die jungen Leute in Polen seien trotzdem hochmotiviert und bestrebt, weitere Qualifikationen zu erwerben. Die vom Betrieb geforderten Sprachkurse würden engagiert auch außerhalb der regulären Arbeitszeit, also auch am Wochenende angenommen und man scheue auch nicht den Aufenthalt in Deutschland, um die Sprachkenntnisse zu verbessern.
„Das sieht in Frankreich ganz anders aus. Hier pocht man auf geregelte Arbeitszeiten, also findet der Sprachkurs während der Woche statt“, führte der Referent aus. Die französischen Mitarbeiter seien nicht so flexibel und würden sich ungern von zu Hause wegbewegen. Der soziale Kontakt zu den deutschen Mitarbeitern sei wenig ausgeprägt, ganz anders als in Polen. „Komm doch heute Abend mal vorbei, dann stelle ich dir meine Kinder vor!“  Diese Einladung komme in der polnischen Niederlassung von Brüggen häufig vor.

Als weiteren Aspekt führte Axel Schrader die unterschiedliche Rolle des Staates in beiden Ländern an. In Frankreich greife der Staat massiv in das Arbeitsleben ein, Arbeitsinspektoren seien für den Interessenausgleich zwischen Firmenleitung und Mitarbeitern zuständig, die Betriebe würden durch überbordende Bürokratie ständig gegängelt. Die Gewerkschaften hätten einen starken Einfluss.
In Polen seien die staatlichen Regelungen deutlich weniger, es gebe nicht einmal die Institution des Betriebsrates.


Interessierte Zuhörer

Simon Spendler konnte gleich an die Ausführungen seines Vorredners anknüpfen und bestätigte, dass Hierarchien in Frankreich deutlich ausgeprägter seien. „Die Einstellung ist viel elitärer und die Ausbildung nicht auf eigenständiges Denken, sondern auf das Aneignen von Lernstoff gerichtet“, schilderte er. Studienfreunde von ihm seien aus der französischen „Lernhölle“ nach London zum Studium regelrecht geflüchtet. Wenn man eine Elite-Universität besuchen wolle, müsse man sich mindestens ein Jahr lang samstags auf den Eingangstest vorbereiten. Sei der bestanden, beginne der Cours Préparatoire: „Von morgens um acht bis abends um acht Unterricht und dann noch fünf Stunden Hausaufgaben! Das hält doch kein Mensch durch!“, meinte der Student. Nach diesem Vorbereitungskurs fange dann das eigentliche Studium an, das dann aber auch eine hohe Position in Verwaltung oder Unternehmen garantiere.
Simon Spendler führte aus, dass auch das englische Bildungssystem sehr elitär ist.  Der Name der Uni, an der man studiere, spiele eine ganz andere Rolle. Deshalb seien viele junge Leute bestrebt, an die Elite-Universitäten zu kommen, was aber eine intensive Vorbereitung auf die Bewerbung, auf die Tests und die Aufnahme-Interviews voraussetze. „Gegen Privatschulen, die ihre Schüler intensiv auf diese Bewerbung vorbereiten, hat man kaum eine Chance“, meinte der Student.
Und das Studium in England sei teuer. Es gebe zwar Stipendien, aber die Kosten betrügen 9000 Pfund pro Semester und die Lebenshaltungskosten insbesondere in London seien sehr hoch. Das Studium könnten viele nur mithilfe von Krediten finanzieren; nicht wenige hätten dann am Ende Schulden von 100.000 Pfund. „Man muss es sich also gut überlegen, ob man in England studieren will“, mahnte Simon Spendler einen Teilnehmer, der lebhaftes Interesse an einem Studium in England bekundete. Die deutschen Unis seien häufig besser ausgestattet als die englischen, es würde sich nicht unbedingt auszahlen.
Auf die Nachfrage, ob denn seine Entscheidung ein Fehler gewesen sei, betonte der Referent, dass er sehr zufrieden mit seinem Studiengang European Social and Political Studies sei. „Außerdem habe ich meine eigene Kultur ganz anders wahrgenommen und relativiert. Ich habe andere Wertesysteme kennen gelernt und meinen Horizont erweitert“, war sein Fazit.
Die persönliche Weiterentwicklung sei auch entscheidend für die Mitarbeiter, die für einige Zeit ins Ausland gehen, betonte Axel Schrader. Sprachkenntnisse seien nicht entscheidend. „Wer es nicht kann, dem wird es in Sprachkursen beigebracht.“  Wichtiger sei, dass man Verständnis für die anderen Kulturen entwickle. Und man lerne, dass man in der Fremde überleben könne und kehre selbstbewusster heim.
Zum Schluss betonte er, wie wichtig für Unternehmen Europa, aber auch der Euro sei. Für Brüggen sei erst durch die gemeinsame Währung die Erschließung von Märkten im europäischen Ausland möglich geworden. „Ohne den Euro würde Brüggen bei einem Jahresumsatz von 80 Millionen Euro stehen, heute sind es 300 Millionen“, hielt der Geschäftsführer der in der Öffentlichkeit grassierenden Euro-Kritik entgegen.
Handlungsbedarf sieht er im Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa und Frankreich. Viele gut ausgebildete junge Leute hätten nicht die Wahl und würden ihre Heimatländer verlassen. Ihnen müsse man eine Perspektive bieten.

Gruppe 2
Mobilitätsberatung der Handwerkskammer – Auszubildende im Handwerk gehen ins  Auslandspraktikum

Marie-Christin Starck ist Mobilitätsberaterin bei der Handwerkskammer zu Lübeck und betreut Auszubildende, die ein mehrwöchiges Praktikum bei ausländischen Betrieben absolvieren und auf diese Weise Einblick in neue handwerkliche Methoden, aber auch in das Arbeitsleben und die Kultur des Gastlandes erhalten.
Eine wichtige Voraussetzung für diese Erfahrungen sind zunächst umfassende Informationen: An welchen Orten ist das Praktikum möglich? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein? Welche Fördermöglichkeiten stehen zur Verfügung? Eine detaillierte Beratung, um diese und weitergehende Informationen zu vermitteln, ist Frau Starcks Aufgabe.
Die Handwerkskammer übernimmt darüber hinaus wichtige Aufgaben in der Koordination der Praktika. Hierzu ist zunächst eine Absprache mit den deutschen Betrieben und der Berufsschule nötig, um eine Integration des Praktikums in den regulären Ausbildungsverlauf zu ermöglichen. Zudem wird mit den im Ausland zuständigen Ausbildungseinrichtungen vereinbart, wer die deutschen Praktikanten aufnimmt und betreut. Den organisatorischen Rahmen bildet das von der Europäischen Union geförderte Programm „Fit für Europa“.
Auf diese Weise kann den Auszubildenden, trotz der Schwierigkeiten, die sich aus den unterschiedlichen Rechts- und Ausbildungssystemen ergeben, eine Auslandserfahrung ermöglicht werden. Immer mehr Betriebe nutzen die positiven Erfahrungen mit Auslandspraktika und werden dabei von den etwa 40 im gesamten Bundesgebiet tätigen MobilitätsberaterInnen unterstützt.
In der Regel verbringen die Auszubildenden drei Wochen im europäischen Ausland. Voraussetzung für ein erfolgreiches Praktikum ist eine ausreichende Sprachkenntnis. Nur so kann es den Praktikantinnen und Praktikanten gelingen, im Betrieb aktiv mitzuarbeiten.
Foto 5: Gibt es eins von diesem Abschnitt?
Neben der Schilderung ihrer eigenen Aufgaben als Mobilitätsberaterin legte Frau Starck viel Wert darauf, die Erfahrungen der jungen Leute vorzustellen. Sie zeigte zum Auftakt des Gespräches einen Film, der die Eindrücke von deutschen und dänischen Auszubildenden wiedergibt, die mehrere Wochen in einem Betrieb im Nachbarland gearbeitet haben. Von den jungen Deutschen wird hervorgehoben, dass das Arbeitsleben in Dänemark viel entspannter und nicht so hektisch sei, auch das Verhältnis zum Chef sei viel lockerer.  Man traue den Lehrlingen auch mehr zu, sie müssten so arbeiten wie Gesellen. Die Dänen sahen den Zugewinn eher in den neuen handwerklichen Methoden, die sie in Deutschland gelernt hätten.
Begleitet  wurde Frau Starck von Jan Augustin, der eine Ausbildung zum Konditor macht, und Mandy Feldsien, die inzwischen ihre Ausbildung zur Bürokauffrau beim Kücknitzer Elektrounternehmen Habotec beendet hat.
Jan Augustin gab in einem anschaulichen Vortrag Einblick in seine vielfältigen Eindrücke von seinem Praktikum in Spanien. Besonders im Konditoreiwesen seien die angewandten Arbeitstechniken traditionsbedingt zwischen den Ländern sehr unterschiedlich. So konnte er in der kurzen Zeit von nur drei Wochen zahlreiche Methoden erfahren, die in seinem deutschen Ausbildungsbetrieb so nicht zur Anwendung kommen. Ungewohnt sei auch das spanische Ausbildungssystem, das im Gegensatz zum deutschen dualen System der Berufsausbildung keine unmittelbare Betriebspraxis vorsieht. Neben der Erweiterung des Horizonts in handwerklichen Fragen würden auch kulturelle Klischees und Vorurteile schnell relativiert.  So wies Jan Augustin auf das größere Arbeitspensum hin, das die spanischen Auszubildenden im Vergleich zu ihren scheinbar „fleißigeren“ deutschen Kollegen zu bewältigen haben.
Mandy Feldsien verbrachte 2011 im Rahmen des Programms „Fit für Europa“ drei Wochen in Derry (Irland), davon eine Woche in einer Sprachschule und zwei Wochen in einer Grafik-Firma. Für sie stand die Erweiterung der Sprachkenntnisse und der Einblick in die irische Kultur im Mittelpunkt. Daher sei für sie das Praktikum ein Erfolg gewesen, obwohl ihre Arbeit in der irischen Grafik-Firma nur wenig mit ihrer Ausbildung als Bürokauffrau zu tun hatte. Sie betonte, wie wichtig für sie dieses Praktikum in einem fremden Betrieb und in einem fremden kulturellen Umfeld gewesen sei. Selbstständiger und selbstbewusster sei sie zurückgekommen.
Als Absolventen eines Auslandspraktikums gehören die beiden zu den mehr als 1000 Personen aus Schleswig-Holstein, die von ihren Betrieben in den letzten Jahren in einen ausländischen Betrieb geschickt wurden.

III. Schülerseminar: Erfahrungsaustausch
Als Moderatorin eröffnete Sabine Jebens-Ibs das einstündige Seminar mit der Bitte, auf Kärtchen kurz zu notieren, was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach dem Vortrag bemerkenswert erschien. Den meisten war wichtig, dass die Praktika im Ausland neue Erfahrungen und Qualifikationen mit sich bringen und die Selbstständigkeit und Eigeninitiative fördern.


Statements der Teilnehmer und Teilnehmerinnen

Im anschließenden Gespräch, an dem freundlicherweise Marie-Christin Starck, Jan Augustin und Simon Spendler noch Rede und Antwort standen, stellte sich heraus, dass einige Schülerinnen von einer Beruflichen Schule gerade an einem sechswöchigen Praktikum in Großbritannien teilgenommen hatten, das zum Ausbildungscurriculum der Schule gehört. Auch für sie ist also „Lernen und Arbeiten in Europa“ gelebter Alltag.


Jan Augustin, Simon Spendler, Marie-Christin Starck und Sabine Jebens-Ibs

In der Diskussion wurde deutlich, wie sehr die Schülerinnen und Schüler von der Frage bewegt werden, welchen Beruf sie wählen sollen. Viele haben Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, und wünschen sich von der Schule mehr Informationen über Studiengänge und Berufe. Frau Jebens-Ibs machte deutlich, dass angesichts der Vielfalt der Berufe und Studiengänge sowie der enormen Möglichkeiten, verschiedene Bereiche zu kombinieren, die Schulen wenig Hilfe bieten könnten. Da seien die Lehrkräfte in einer ähnlichen Position wie die Eltern, die auch keine Übersicht mehr hätten. Man könne aber sehr vieles auf den Internetseiten der Universitäten recherchieren und die entsprechenden Portale der Agentur für Arbeit  aufsuchen.

Simon Spendler betonte an dieser Stelle, dass die Internetseiten der Universitäten zwar gut für einen Überblick seien, aber man solle sich die Universitäten unbedingt persönlich ansehen, bevor man sich für einen Studiengang einschreibt. „Papier ist geduldig, die Homepage sieht häufig besser aus, als was dann tatsächlich geboten wird.“
Jan Augustin beruhigte die Anwesenden. „Es stehen viele Wege offen, man kann immer etwas Neues beginnen“, war sein Fazit aus seinem bisherigen Werdegang, denn er hat zunächst Sozialwissenschaften studiert und erst nach dem Studium eine Konditorlehre begonnen.

Marie-Christin Starck wies noch einmal auf die Möglichkeiten des Handwerks hin. Hier gebe es viele interessante Berufe und auch vielfältige Möglichkeiten, im Ausland Erfahrungen zu sammeln.  Man könne sich jederzeit an die MobilitätsberaterInnen wenden, wenn der Betrieb Interesse an einem Auslandspraktikum habe.

Fazit des Schülerseminars: Die vielen Angebote zur Berufswahl sind sehr interessant, aber die Unsicherheit bei der Berufswahl bleibt. Ein Praktikum im Ausland oder sogar ein Studium ist für die meisten Anwesenden teilweise schon Alltag, aber für alle eine Option für die Zukunft. Die Schülerinnen und Schüler fanden insbesondere den Vortrag über die Firma Dräger interessant, denn vielen war vorher nicht klar,  welche Möglichkeiten die internationale Ausrichtung vieler deutscher Firmen auch jungen Arbeitnehmern bietet. Deshalb haben sich einige vorgenommen, mehr über Firmen zu recherchieren und unter diesem Aspekt die Betriebe neu zu bewerten.

IV. Europäischer Wettbewerb
Mit einer sehr informativen und anschaulichen Präsentation erläuterte Torsten Johanßon, der Landeskoordinator des Europäischen Wettbewerbs, die Geschichte dieses Wettbewerbs, der nun schon seit 60 Jahren existiert.  Im Zuge der Osterweiterung des Wettbewerbs nach dem Fall der Mauer und des Zusammenbruchs des Ostblocks war die Zahl der teilnehmenden Staaten auf 34 Länder gestiegen. Der Referent bedauerte, dass nach dem Zurückfahren von finanziellen Fördermöglichkeiten die Teilnahme zusehends zurückgegangen sei. Im Jahre 2013 sind noch Deutschland, Österreich, Kroatien, Griechenland, Lettland und die Slowakei beteiligt. 


Torsten Johanßon, Landeskoordinator des Europäischen Wettbewerbs

In Deutschland wird der Wettbewerb jeweils auf der Ebene der 16 Bundesländer organisiert, gesteuert durch einen Lenkungsausschuss, der bemüht sei, das Niveau der Themen und der Beiträge anzuheben. Die Themen sollten in den letzten Jahren auch deutlich politischer werden, was aber eher abschreckende Wirkung hatte, wie der Referent meinte. Nach der Neustrukturierung im Jahre 2010 sei die Zahl der Teilnehmer deutlich zurückgegangen.
Torsten Johanßon erläuterte die Aufgabenverteilung der einzelnen Institutionen mithilfe eines Organigramms, dass dem Wettbewerbsflyer beigelegt ist, und warb intensiv dafür, sich beim diesjährigen Thema „Wie wollen wir leben in Europa?“ zu beteiligen. Es biete vielfältige Ansatzpunkte für Projekte mit Schülerinnen und Schülern. Dringend empfahl er aber, die Schülerarbeiten vorab zu sichten und nur die Beiträge einzusenden, die eine wirkliche Chance hätten. Es winken ca. 250 Preise und wenn man von der letzten Teilnehmerzahl von 2000 ausgehe, hätten also etwa 10% eine Chance, etwas zu gewinnen.

Einsendeschluss ist der 14. Februar 2014; die Landesjury entscheidet dann über die Beiträge bis zum 19. Februar 2014 und leitet die sehr guten Beiträge an die Bundesjury weiter, die im März tagt. Die Verleihung der Preise wird im Mai 2014 stattfinden.

V. Zukunftswerkstatt
Unter der Leitung von Bernd Bundtzen, Vorstandsmitglied des Vereins der Europaschulen, fand eine Aussprache zur Zukunft des Vereins statt und darüber, wie man wieder mehr die Politik für den Verein und dessen Arbeit interessieren kann. Darüber hinaus stellte sich die Frage, ob man für 2014 ein gemeinsames Arbeitsthema finden und ob der Newsletter als zentrale Austauschplattform ausgebaut werden kann.
Herr Bundtzen fragte dann Spiridon Aslanides, der als Kandidat der GRÜNEN in Lübeck für den Bundestag kandidiert und am Nachmittag noch kurzfristig zur Tagung gestoßen war, wie er die Politik die Arbeit der Europaschulen bewerte.


Spiridon Aslanides, Die GRÜNEN

Herr Aslanides sah sich auf dieser Tagung aber eher nicht als Politiker, sondern als europäischer Bürger angesprochen. Er verwies auf die Biographie seiner Eltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und dann nach Griechenland zurückgekehrt seien, und auf seinen eigenen Werdegang. „In Deutschland war ich als Kind ein Ausländer, nach der Rückkehr nach Griechenland wurde ich auf dem Schulhof als Deutscher verprügelt“, erinnerte er sich. Er und sein Bruder hätten dann in Deutschland studiert und seien hiergeblieben. Er fühle sich Deutschland zugehörig, ohne seine griechischen Wurzeln zu verleugnen.
Engagiert appellierte er an die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die europäische Idee hoch zu halten und verwies auf die schrecklichen Kriege des 20. Jahrhunderts, die viel Leid und Hass gebracht hätten. Dass wir jetzt weit davon entfernt seien, sei eine großartige Leistung, die nicht genug gewürdigt werden könne. Leider sei heute den Europäern die leidvolle Geschichte aus dem Blick geraten und Europa für viele  kein Begeisterungsgrund mehr.

Dabei müsse an einem geeinten Europa dringender denn je weiter gearbeitet werden, gerade angesichts der wirtschaftlichen Krise vieler Länder. „Wird man eine ganze Generation in Europa verlieren?“,  fragte sich der Referent sorgenvoll mit Blick auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Europa müsse hier solidarisch handeln und die Krisenländer unterstützen.
„Wir sind noch nicht eine Willkommensgesellschaft“, meinte Spiridon Aslanides und betrachtete von daher die Ausbildung von jungen Spaniern in Deutschland mit einer gewissen Skepsis. Die Integration der jungen Leute sei ein Problem, man müsse sie in solchen Projekten intensiv betreuen, damit sie sich im fremden Land heimisch fühlen könnten.

Für Deutschland sieht er Handlungsbedarf bei den 100.000 Jugendlichen, die in jedem Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. Man müsse viel mehr Geld in die Ausbildung vor Ort stecken und die Betriebe unterstützen.
Die Arbeit der Europaschulen beurteilte er als sehr konstruktiv für die europäische Idee, denn die Schülerinnen und Schüler würden an fremde Kulturen herangeführt und bekämen einen Blick für die Vielfalt Europas.
Aus dem Gespräch mit Herrn Aslanides kristallisierte sich dann das vorläufige Arbeitsthema der Europaschulen für die Europawoche 2014 heraus: „Vielfalt – Eine Chance für Europa“.

VI. Impressionen am Rande
Unterbrochen wurde die informative und interessante Tagung durch den Mittagsimbiss, den Frau von Warburg, die die Cafeteria in der Thomas-Mann-Schule betreibt, vorbereitet hatte.



Angeregt unterhielten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch in der Pause über die interessanten Vorträge. Das schöne Wetter konnte auf der Terrasse vor der Aula/Cafeteria genossen werden. Die angenehme und ruhige Atmosphäre an der Thomas-Mann-Schule wurde von vielen lobend hervorgehoben: Kein Klingelzeichen stört den Redefluss der Vortragenden, die Lärmschutzmaßnahmen tun eine übrige Wirkung. Die Schülerinnen und Schüler der TMS wurden als freundlich und ruhig wahrgenommen.



Wir sind davon überzeugt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die interessanten Vorträge der Referentinnen und Referenten viele Anregungen mitgenommen haben – die Lehrkräfte für ihre Arbeit in europäischen Projekten mit Blick auf  Praktikum und Arbeit im Ausland, die Schülerinnen und Schüler für ihre Berufs- und Studienwahl.
An dieser Stelle sei allen Beteiligten für die engagierte Mitarbeit gedankt, die zum Gelingen der Tagung entscheidend beigetragen hat.

Sabine Jebens-Ibs und Daniel Klingebiel
Thomas-Mann-Schule Europaschule Lübeck

28.09.2013

© Fotos: Sabine Jebens-Ibs, Meltem-Marie Mercenk, Susan Wessin

Links zur Tagung:
Verein der Europaschulen Schleswig-Holstein

Praktikum im Ausland
VET Qualification System - Film
Fit für das Ausland - Mobilität leicht gemacht (pdf-Flyer)
RegioSKILL - Internationale Projekte - Handwerkskammer Lübeck
Leonardo da Vinci - Das europäische Programm für berufliche Bildung

Europäischer Wettbewerb
Europäischer Wettbewerb - Startseite
Europäischer Wettbewerb - Bildungsportal Schleswig-Holstein

Fachtagung der Europaschulen 2010 - Kiel Landtag
Fachtagung der Europaschulen 2008 - Rendsburg Nordkolleg
Fachtagung der Europaschulen 2007 - Tannenfelde
Studienfahrt "Europa - Quo vadis?" 2008
INCLUDEME - Bericht von einem Lehreraustauschprojekt mit Prag
"Ein Mathebuch für Europa" - Projekt der Europaschulen im Jahr der Mathematik 2008
Europawoche 2006 - Jubiläumsveranstaltung in Rendsburg -
Europa im Blickpunkt  - Europawoche 2004
Europawoche 2002 - Eröffnungsveranstaltung in Lübeck
Europa in der Schule - Europaportal im Lernnetz Schleswig-Holstein
Europa-Union Deutschland - Landesverband Schleswig-Holstein e.V. -
EUROPASS Mobilität
Thomas-Mann-Schule  - Thomas-Mann-Str. 14 - 23564 Lübeck - Tel. 0451/1228614  - Fax. 0451/1228621
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