Thomas ist wieder da!
An der Thomas-Mann-Schule fand heute im Rahmen eines kleinen Festaktes die Einweihung der neuen Thomas-Mann-Büste statt.

Vor der mit einer Europa-Fahne verhüllten Büste begrüßte Herr Flittiger die Schülerschaft und die geladenen Gäste. Frau Jebens-Ibs gab einen lebhaften Einblick in ihre umfangreichen Recherchen und über die verschiedenen Spendenaktionen, die die Finanzierung sicherstellten.



Am Himmelfahrtswochenende 2011 war uns die Büste wahrscheinlich von Metalldieben gestohlen worden. Im Gegensatz zu einer anderen Skulptur aus dem Lauenburgischen, die einem Hamburger Schrotthändler angeboten und von diesem sichergestellt wurde, blieb unser Kopf verschwunden.



Mehr als zwei Jahre lang bemühte sich die Schulgemeinschaft, das Wahrzeichen der TMS wiederzubeschaffen. Dass sich dieses Projekt so langwierig erweisen würde, konnte niemand ahnen, als die Suche nach der Gussform begann. Diese müsse noch in einer Gießerei vorhanden sein, so unsere Hoffnung, und dann könnten wir „einfach“ eine neue Büste gießen lassen.

Die Spurensuche im Internet und viele Anfragen bei etlichen Institutionen vor allem des Literaturbetriebes erbrachten interessante Erkenntnisse über den Bronzekopf und seinen Schöpfer.

Dr. Gottfried Bermann Fischer

Die Büste wurde 1965 von Dr. Gottfried Bermann Fischer geschaffen, als Bildhauer Autodidakt, im Berufsleben aber erfolgreicher Unternehmer. Er war eigentlich Arzt, stieg nach seiner Heirat mit Brigitte Fischer auf Wunsch seines Schwiegervaters aber in den Fischer-Verlag ein, den er ab 1934 selbst leitete. Sein Schwiegervater, der große jüdische Verleger Samuel Fischer, hatte 1901 die „Buddenbrooks“ verlegt und Thomas Mann damit zu Weltruhm verholfen.

Die Freundschaft zu Thomas Mann setzte sich bei Bermann Fischer fort. Beide teilten das Schicksal des Exils, denn als Jude musste Bermann Fischer mit seiner Frau und seinen drei minderjährigen Töchtern aus Deutschland fliehen, zunächst nach Wien, dann nach Stockholm und schließlich auf abenteuerlichem Wege nach Amerika.

Der Fischer-Verlag konnte im Ausland nur mit äußerster Anstrengung gerettet werden, aber Bermann Fischer schaffte es  und setzte nach 1945 seine verlegerische Arbeit in Deutschland fort. Nach dem Verkauf des Verlages 1965 lebte er in der Toskana, wo er und seine Frau sich eine große Villa erbauen ließen, in der sie viele Autoren zu anregenden Gesprächen empfingen, u.a. auch Günter Grass.

Hier widmete sich  Bermann Fischer der Bildhauerei. Nach dem Tod Thomas Manns schuf er mehrere Büsten von ihm, von denen sich heute eine in München im Thomas-Mann-Saal der Ludwig-Maximilians-Universität und eine im Zürcher Thomas-Mann-Archiv befindet.

Dass der Thomas-Mann-Kopf an die TMS kam, verdankte die Schule dem damaligen Elternvertreter Dr. Rolf Sander, der Bermann Fischer dazu bewegen konnte, eine leicht abgewandelte Kopie seines Werks der Schule zu schenken und auch an der Einweihung teilzunehmen. Die Possehl-Stiftung finanzierte 1966 den Transport der Büste aus der Toskana mit 1000 D-Mark, die Einweihung fand im September 1966 statt.
Wegen dieser engen Verknüpfung der Lebensläufe von Dichter und Bildhauer/Verleger und  der Stiftungsgeschichte kam für die Schulgemeinschaft kein anderes Werk in Frage: Nur der Thomas Mann von Bermann Fischer sollte es sein.

Die Wiederherstellung der Büste

Wir hatten inzwischen erfahren, dass die Tochter und Erbin Gottfried Bermann Fischers, Gisela Braun-Fischer, in Zürich lebt, konnten aber zunächst keinen Kontakt und damit keine weiteren Auskünfte über das Werk ihres Vaters erhalten. Das Marbacher Literaturarchiv, wo Bermann Fischers Nachlass liegt, nannte uns dann aber den Namen einer italienischen Gießerei, in der eine Zuckmayer-Büste von Bermann Fischer gegossen worden war.

Leider stellte sich im Herbst 2012 bei unseren Nachforschungen in Pietrasanta/Toskana heraus, dass die Gussform nach dem Tod Bermann Fischers im Jahre 1995 – er starb mit 98 Jahren in der Toskana – vernichtet worden war.

Jetzt hatten wir die Idee, auf der Basis von unseren Fotos ein 3D-Modell der Büste erstellen und dann gießen zu lassen. Frau Braun-Fischer, die wir als Erbin um die Erlaubnis gebeten hatten, meldete sich bei Herrn Flittiger, ganz gerührt darüber, dass wir dem Werk ihres Vaters so großen Wert beimaßen, und gab grünes Licht.

Im Juni 2013 erteilten wir der Gießerei Butzon & Bercker in Kevelaer den Auftrag, die Büste zu rekonstruieren. Bei dieser Rekonstruktion kam aber nie ein 3D-Modell zu Einsatz.

Stattdessen schuf der Bildhauer Michael Franke aus Erkelenz mit Hilfe von Fotos und Porträtstudien zunächst ein Ton- und dann Wachsmodell – eine künstlerisch sehr anspruchsvolle Arbeit, bei der auch die eigene Handschrift des Bildhauers sichtbar wird. Bei unserer Feier konnten wir Herrn Franke und seine Frau begrüßen, die es sich nicht nehmen lassen wollten, bei der Enthüllung des Werkes dabei zu sein.



Die Büste hat 5000 Euro gekostet.

Neben den vielen Engagierten bei schulischen Spendenaktionen gebührt großer Dank den Sponsoren aus der Schulgemeinschaft, die einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung der Büste leisteten. Wie schon 1966 war auch die Possehl-Stiftung wieder mit 1000 dabei, diesmal allerdings in Euro.



Die Thomas-Mann-Schule freut sich ungemein, dass nach mehr als zwei Jahren das Wahrzeichen der Schule wieder da ist.
Allen, die unser Projekt unterstützt haben, ein herzlichen Dankeschön!

Sabine Jebens-Ibs
23.10.2013


Die Schulgemeinschaft verfolgt gespannt die feierliche Enthüllung der Büste.

Die neue Büste




Die gestohlene Büste



© Fotos: S. Wessin

Presseartikel
Wir danken für die Überlassung des Copyrights!

www.hl-live.de, 23.10.2013: Die Thomas-Mann-Schule hat ihr Wahrzeichen wieder
Lübecker Nachrichten, 9./10.2011: Mit Kunst zum neuen Kopf
LN-online, 7.06.2011: Wer macht denn so was? Thomas-Mann-Büste enthauptet!

Aktualisiert am 10.11.2014:
Thomas-Mann-Büste wieder aufgetaucht- - Lübecker Nachrichten online - 08.11.2014

 
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